Zurück

Folgen Sie der Spurensicherung!

  Viele Dinge, Bauwerke, von denen man annimmt, dass sie für die Ewigkeit gebaut worden seien, sind plötzlich und unerwartet fort. Grandiose Beispiele menschlichen Erfindergeistes, wie das weltweit gefeierte Münchener Schwabylon, wurden per Federstreich und weil ihre anmutige Zeit abgelaufen war, in den späten siebziger Jahren der Gestaltungskraft von Sprengmeistern, Abbruchbirnenschwenkern und Bagger-, wie Radlader- und Raupenfahrern anheim gegeben. Heute sind diese Kulturzeugnisse überbaut, überwuchert oder zubetoniert. Was übrig geblieben ist, ist das vage Wissen einer einstmals bestehenden Konzeption. Zweifelsfrei gilt dies auch für das Ihme-Zentrum in Hannover-Linden, denn auch dieses Gesamtkunstwerk, glauben Sie es oder nicht: so war es gemeint, wird bald entweder bis zur Unkenntlichkeit modernisiert worden oder abgebrochen sein. Klaus Lösche unternimmt hier nun den Versuch der Sicherung - und zwar nicht in der Archivierung von Bauplänen, übrigens sind auch diese in ihrer ursprünglichen Variante kaum noch zu bekommen, sondern durch eine subjektive Annäherung an das Konzept. Hierzu nutzt er die Mittel des zum Zeitpunkt der Erstellung diese Zentrums für den Normalbürger erschwinglichen und damit verfügbaren Super 8-Films, der Vertonung mit Geräusch-Clustern und das aktuelle Dokumentations-instrument; die digitalen Kamera. Er nimmt uns dabei mit auf eine Berg- und Talbahn, auf eine Reise durch die Räume und Topographien dieser Stadtlandschaft. Er zeigt uns das Ihme-Zentrum als verfallenden, einstmaligen Konsumtempel ebenso wie als Stadtidyll im stillen Winkel, der auch heute noch bewohnt, ja, gern bewohnt wird. Mit den scharfen Konturen und hohen Zinnen vermeint man mitunter in dieser Architektur den Dominanzanspruch einer kapitalistischen Zwingburg im traditionellen Arbeiterquartier, dem roten Linden, zu sehen. Und genau so wurde dieser Bau seitens der Anlieger interpretiert, als er in den endsechziger Jahren gebaut wurde. In den Tiefen der Parkdecks und Lieferzonen, in den Durchgängen zu den Verkaufskolonnaden meint man vielfach die abgeschotteten Werkstätten geheimer Mächte zu sehen – so geheimnisvoll scheint und strahlt, mitunter hoch diffus, das Licht. Auch reine Funktionalität kann erkannt werden, denn sie existiert – beispielsweise im Bereich der Park- und Garagenflächen. Oft aber bleibt nur, was heißt hier, Nur?', eine ganz zwecklose Schönheit, die aus der Tatsache entspringt, das die ursprüngliche Funktion weder verblieben noch nachvollziehbar ist. Aus dem technischen Gerät ist ein Objekt geworden, ein Artefakt. Lösche zieht uns immer stärker in den unzweifelhaften Bann des Objektes hinein. Er zeigt luftige Durchbrüche, Treppen in jeder Form mit dem ihnen eigenen Weg nach oben, dem , stairway to heaven', er zeigt den Weg zu den in Griffnähe liegenden Flußauen – und er zeigt scheußlich schlechte Graffities, pubertäre Taks und einfaches Geschmiere – er zeigt aber auch, das diese oftmals Funktionen erfüllen und trotz allen Dilettantismus Kontrapunkte setzend ästhetisieren. Gerade an dem Punkt, an dem man versucht ist, dieses Relikt aus den frühen siebziger Jahren ins Herz zu schließen, aber schafft er Abstand und verlässt es, zeigt es von außen und stellt uns die Frage, ob wir unsere Welt zu Gunsten dieser gezeigten verlassen wollen würden. Dann noch ein kurzer Schwenk, eine Feuerwerk rasch aufeinanderfolgender Bilder, eine Kurzvariante der Erinnerungen ans Ihme-Zentrum. Das muss reichen.

Dirk Zaretzke