Ausfluch

Da ist also diese Schnecke aus nicht einsehbarem Grund aber sichtbar mit technischen Mitteln akzeleriert.

Eine beschleunigte Schnecke, das in der Fabel für Langsamkeit stehende Tier: beschleunigt.

Und diese Schnecke keucht vor Anstrengung aus Stress oder infolge von Schmerzen oder bedingt durch die Sauerstoffschuld bei großem Energieumsatz oder, oder, oder.

Und dann sind da noch andere Schnecken, die beschleunigt sind und keuchen und es werden immer mehr, so dass es kaum mehr möglich ist festzustellen, welche denn nun unsere ursprünglich zur Debatte stehende, nein, besser: in der Aktion zu verfolgende, keuchende Schnecke ist.

Und schließlich sind da noch die beschleunigten Schatten der beschleunigten Schnecken und diese Schatten scheinen dafür zu sorgen, dass die bereits vor Anstrengung keuchenden Schnecken noch energischer an Geschwindigkeit gewinnen. Denn auch hier scheint es zu gelten, schneller als sein Schatten zu sein: ganz physikalische Konsequenzen eigener Existenz und entsprechende Gescheh-nisse bereits umfassend zu antizipieren, bevor sie denn überhaupt eingetreten sind.

Und, als wäre dies alles noch nicht hinreichend, kommt noch der Regen hinzu man sieht ihn nicht wirklich, aber man hört und spürt ihn unsere beschleunigten und keuchenden Schnecken mitsamt ihren ebenfalls beschleunigten und vermutlich auch keuchenden Schatten stehen nun im Regen, was weder idiomatisch noch naturwis-senschaftlich wirklich gut für sie ist zumindest was ihre Fortbewegungspotenziale angeht, denn bei Nässe bekommen sie Traktionsprobleme.

Aber trotz alledem hasten sie weiter oder werden doch, vermittelt durch die techni-schen Arrangements, weiter in sich stetig steigernder zielgerichteter Bewegung gehalten. Da nützt es auch nichts, wozu denn auch, wenn sich alle Schnecken immer wieder einmal kurz in ihr Haus zurückziehen und immer wieder einmal den Blick um sich herum riskieren.

Unabhängig von der eventuell stattgefundenen Orientierung geht das Rennen doch weiter und das in aller Regel: trotz Erschöpfung und Regen beschleunigt.

Und dann plötzlich: Augenblick. Man möchte geradezu ergänzen: Augenblick mal was ist denn da passiert?

Da steht eine Schnecke, ich möchte glauben, es handelt sich um unsere Schnecke, die sagen wir einmal: Urschnecke, die steht da und äugt und vor ihr auf dem ,,race track' steht es schwarz auf grau, sichtbar, wenn auch am Rande ausgewaschen ,Augenblick'.

Da steht Augenblick. Diese Aufforderung zur eigenen, sinnlichen Wahrnehmung - zur Aufnahme der zu diesem definierten Zeitpunkt wirksamen Momente.

Stellen Sie sich das einmal vor: mitten im Rennen um die besten Reproduktions-bedingungen, die besten Stellen, die dicksten Einkünfte, die größten und edelsten Behausungen, die besten Weine (bedarfsweise zu ergänzen um die individuellen Vorlieben bei der stofflichen Herbeiführung von Rausch und evtl. auch Ekstase) die schnellsten Autos wie Sexualpartner - sagt da irgendjemand:

Augenblick mal! Stopp! Kuck mal an, was Du da machst! Überleg mal wer wann wo was und wieviel mit Dir veranstaltet!

Ja, da kommt man ins Grübeln, da nimmt man, wie übrigens auch unsere Schnecke, zwischendurch einmal Abstand, rückt zurück, um dann wieder nŠher heranzutreten und festzustellen: da sind jede Menge Schnecken, die gestresst, gehetzt und tech-nisch beschleunigt sind, die im Regen agieren und keuchen.

Schnecken zwar auf der Höhe der Zeit, die aber niemals aus eigener Kraft fliegen werden, denn es fehlt ihnen trotz aller Beschleunigung die eigene Geschwindigkeit, um bei naturgegeben Šäußerst gering angelegter, eigener AuftriebsfŠhigkeit abheben zu können. Der Flug der Schnecke kommt unter den herrschenden VerhŠltnissen nicht zustande, der Fall, besonders bei Regen: wahrscheinlich.

Mag sein, dass unter den deutschsprachigen Schnecken, zumindest im Rahmen des üblichen Jargons, unbeschadet einer letztendlichen Entscheidung des Bibliographischen Instituts, Fachausschuss für gastropodaische Idiomatik, seit diesem Kurzfilm aus dem Jahre 2004 ,Augenblick' zwar nicht als heftig beleidigendes Schimpfwort so doch aber als aktiv und nachdrücklich geäußerte Willensbekundung mystischer Drohung empfunden wird.

Dirk Zaretzke ..

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